Warum uns die Logik allein nicht weiterbringt

Wir sind von der Vorstellung geprägt, dass das Denken den Menschen ausmacht, und legen großen Wert auf die Entwicklung kognitiver Kompetenzen, was sicherlich auch wichtig und wertvoll ist.

René Descartes postulierte im 17. Jahrhundert: „Cogito ergo sum“ (= Ich denke, also bin ich). Dieser neue Denkansatz führte zu einer unabhängigeren und selbstbewussteren Haltung, bewahrte uns jedoch nicht vor logischen Trugschlüssen, denn wir glauben in aller Regel, dass:

  • etwas wahr sein muss, weil wir es für wahr halten
  • etwas nicht wahr sein kann, da wir es nicht für wahr halten
  • etwas nicht möglich ist, da wir es nicht für möglich halten

Negative Glaubenssätze blockieren den Erfolg

Ebenfalls ein gutes Beispiel für Denkfallen sind die Glaubenssätze, denen bestimmte, unbewusste Überzeugungen zugrunde liegen. Glaubenssätze sind per se nicht schlecht. Im Coaching treten naturgemäß jedoch häufiger negative Glaubenssätze auf, die verhindern, dass etwas funktioniert oder erfolgreich umgesetzt wird. Nehmen wir an, eine Führungskraft kommt mit dem Wunsch ins Coaching, die eigene Belastung zu senken. Während des Coachingprozesses entwickeln und erstellen Coach und Coachee gemeinsam Handlungspläne, die jedoch in der Praxis nicht fruchten. Auf dieser Ebene geht der Prozess leider nicht weiter. Eine andere Ebene, die klärt, was hinter dem Handlungsstopp steht, muss gefunden werden. So lange Glaubenssätze wie: „Nur wenn ich es selbst mache, ist es gut“ das Delegieren, Abgeben von Arbeit oder Verantwortung behindern, bleibt die Überlastung. Folgt durch das Coaching ein Identifizieren des Glaubenssatzes, kann er auch bearbeitet und aufgelöst werden.

Die anderen irren sich, ich liege richtig

Ist es Ihnen in Zoom oder einer anderen Video Meeting Software auch schon passiert, dass Sie ein gutes Bild und einen nahezu perfekten Ton hatten, die anderen Teilnehmer:innen mit ihren eingefrorene Bildern jedoch kaum zu verstehen waren? Wer weniger in virtuellen Räumen unterwegs ist, kennt diesen Effekt vielleicht auch vom Telefon. Die eigene Leitung scheint völlig in Ordnung, jedoch hat die Verbindung des Gesprächsteilnehmers eine Störung. Bei Telefonkonferenzen kann es vorkommen, dass alle Leitungen schlecht sind, nur die eigene nicht.

Dieser Effekt wird Blind Spot Bias genannt oder auch Verzerrungsblindheit. Man glaubt eine Ausnahme zu sein und hält die eigene Einschätzung für objektiv. Nicht ich habe das Problem, sondern andere. Bias stammt aus dem Englischen und bedeutet Vorurteil, einseitige Ausrichtung oder falsche Annahme.

Bereits seit den 70er Jahren ist die „Kognitive Verzerrung“ als Phänomen bekannt. Daniel Kahneman und Amos Tversky stießen während ihrer Entwicklung der Prospect-Theorie auf diese kognitiven Denkirrtümer und nannten sie „Bias“. Das englische Wort lässt sich ins Deutsche mit Vorurteil, einseitige Ausrichtung oder falsche Annahme übersetzen.

Podcast: https://www.swr.de/swr2/wissen/der-psychologe-daniel-kahneman-warum-wir-uns-oft-falsch-entscheiden-swr2-wissen-2020-11-05-100.html

Wer glaubt ein Bias sei selten, der irrt sich  

John Manoogian, ein Digitaldesigner stellte einen Bias Kodex auf einer Grafik 184 Bias zusammen, den Sie sich hier herunterladen dürfen: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/65/Cognitive_bias_codex_en.svg.

Die Grafik ist interaktiv, d. h. Sie können im Wiki jeden Effekt anklicken und die Beschreibungen dazu nachlesen.

Interpretierendes Denken

Neuropsychologische Untersuchungen zeigen, dass die vordringlichste Aufgabe der linken Gehirnhälfte das interpretierende Denken, das Deuten der Wirklichkeit ist, welches erst das Ich-Erleben erzeugt. Wenn dieses „Ich“ in unserem Kopf die Welt, in der wir leben, bestimmt, dann erzählt es uns Geschichten und keine „Wahrheiten“.

Das meiste, was wir über unsere Hirnhälften wissen, ist ein weitverbreiterter Mythos. Erst durch Untersuchungen der Split-Brain-Patienten, deren Hirnhälften getrennt wurden, konnten wenige, jedoch unumstößliche Aussagen über die komplexe Neurophysiologie gemacht werden. Heute rücken neben anderen Ergebnissen vor allem das interpretierende Denken der Split-Brain-Patienten in den Vordergrund des neurowissenschaftlichen Interesses.

  • Einem Patienten werden nacheinander zwei Bilder gezeigt, ein Bild mit Schnee und eines mit einer Hühnerkralle. Nach einer kurzen Pause wird er gefragt, was er gesehen hat und die Antwort lautet, eine Schaufel, um den Hühnermist auf zuschaufeln. So ist aus Schnee, Schaufel und aus Hühnerkralle Hühnermist geworden.
  • Einem anderen Patienten wurde das Wort „geh“ gezeigt. Er steht auf und geht. Als er gefragt wird, warum er geht, sagt er, er wolle eine Cola holen.
  • Einer Patientin wird das Wort „lachen“ gezeigt. Sie lacht und nachgefragt, warum sie lacht, sagt sie, die Interviewer kämen jede Woche zum Testen und bekämen dafür auch noch Geld.

Unser Gehirn ist als interagierendes System zu verstehen, in dem analytisches Problemlösen und kreatives Denken sich erst im Zusammenspiel verschiedener und beidseitiger Hirnregionen entfaltet. So ist die linke Hemisphäre spezialisiert auf viele – aber nicht alle – Sprachprozesse, auch für abstrakte Begriffe wie Freiheit oder Liebe. Sprachmelodie, das Lesen zwischen den Zeilen, Räumliches Denken, Sinnfindung, Vorstellungen vom großen Ganzen, Kreativität zum Ausdruck bringen, Gefühle erleben, räumliche Informationen verarbeiten, Zahlenverständnis oder Gesichtserkennung sind eher rechts angesiedelt.

Der Neurowissenschaftler Dr. Chris Niebauer  bietet in seinem Buch „Kein Ich kein Problem“ – Was Buddha schon wusste und die Neuropsychologie heute bestätigt“, eine Brücke vom Buddhismus zur Neurowissenschaft an.

Gerade im systemischen Coaching wird von Beginn an großen Wert auf die Aktivierung beider Gehirnhälften gelegt und auf die Vernetzung aller Areale. Hier gilt explizit nicht entweder oder, sondern sowohl als auch. Das Bestreben ist, an dem anzudocken, was sich zeigt, d. h. den Coachee da abzuholen, wo er/sie sich befindet. Viele Methoden sind so ausgerichtet, dass lineares, analoges sowie vernetztes Denken, Tabellen, Prozesse, Raumanker und Wahrnehmungsübungen für alle Sinne angeboten werden. Oft lassen sich Szenen aus dem beruflichen oder privaten Alltag nachspielen, um Sprach- und Verhaltensmuster genauer beobachten zu können. Eine wunderbare Übung für Praxis ist ebenfalls der Hypothesenraum, in dem Vermutungen, Handlungsoptionen und Arbeitshypothesen überprüft werden können.

Narratives Coaching

Auch im Erzählen, mit Geschichten arbeiten steckt viel Potential, das Coach und Coachee für die Vorstellung eines großen Ganzen nutzen können. Dabei geht es um unsere Identität aber auch um die von Organisationen, um Entwicklungen und Veränderungen, die mit einem vom Coach oder Coachee gewählten Anfang beginnt, eine Mitte hat und zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Ende findet. Wird vom Coachee die Situation so dargestellt, dass „Früher alles besser war, heute alles grau ist und was uns das Morgen bringen wird, ungewiss ist“, dann helfen bereits kleine Veränderungen und Ausbau der Ereignisse in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, um mehr Leben, mehr Farbe und eine positivere Sicht in dieser Geschichte zu erhalten.

Im Narrativen Coaching lassen sich zwischen Anfang und Ende einer Erzählung Ereignisse einbauen, alte und neue Ressourcen finden, Perspektiven wechseln, Elemente einer Heldenreise, passende Metaphern, eine Problem- oder Lösungsfokussierung, die den Blick aufs Ganze verändern.

Wenn Sie als Übung unseren Ausgangsatz oder einen negativen Glaubenssatz ins nachfolgende Schema einer Heldenreise einsetzen, erhalten Sie mit Sicherheit einen Perspektivenwechsel mit positiverem Verlauf und besserer Stimmung. Wählen Sie für die Reise eine Heldin oder einen Helden, die eine Vision oder Zukunftsoption entwickeln kann.

 

Heldenreise nach Vogler

Die eigenen Gedanken auf dem Prüfstand

Es gibt verschieden Methoden, mit denen Sie Ihre Glaubenssätze, Bias und interpretierendes Denken überprüfen können. Wichtig dabei ist, ob Ihr Gefühl und Ihr Verstand zu ähnlichen Resultaten kommen, oder die Ergebnisse abweichen.

Black Box
Sicherlich haben Sie schon einmal vom Black Box Modell gehört, das einen Ein- und Ausgang hat, jedoch im Innern dunkel bleibt.  Es gibt demnach Signale/Reize sowie Output/Verhalten, jedoch wie die Verarbeitung im Inneren verläuft, das weiß man nicht. Dieses Modell lässt sich auf den Verstand, soziale Systeme oder die Kommunikation anwenden. Sie erreichen mit dem Modell eine erste Annäherung auf ein noch unbekanntes Zusammenspiel von bestimmten Elementen und Bereichen.

Zweite Meinung
Wie sicher können Sie sich sein, dass Sie recht haben und eine gute Entscheidung treffen? Bitten Sie andere um deren Meinung!

Perspektivenwechsel
Nehmen Sie die Position eines anderen Menschen ein und beschreiben Sie, was Sie an seiner Stelle wahrnehmen, wie er/sie Sie wahrnimmt.

Reflexion
Setzen Sie dazu Methoden ein, die nicht nur auf Listen basieren, sondern die auch Ihre Gefühle ansprechen.

Walt Disney Strategie
Sie benötigen für die Walt Disney Methode Papier, Stift und drei Stühle oder Plätze. Jeder Platz hat eine bestimmte Rolle:
Der Träumer (darf alles träumen und gibt seine Träume an der Kritiker weiter)
Der Kritiker (geht konstruktiv mit dem Vorschlag des Träumers um, verändert den Traum kritisch-konstruktiv und gibt ihn an den Realisten weiter)
Der Realist (überdenkt den Vorschlag, prüft die Machbarkeit, Geld, Menschen und Ressourcen, ändert den Vorschlag und gibt ihn an den Träumer weiter)
Träumer 2 (der träumt wiederum frei, reicht an den Kritiker weiter)
Kritiker 2 (der wiederum an den Realisten)
Realist 2( wendet sich erneut an den Träumer)
Die Runden werde fortgeführt bis das Thema gelöst ist.

Systemaufstellung
Nehmen Sie an einer Systemaufstellung als Stellvertreter:in oder Fallgeber:in teil.

Peergroup
Nutzen Sie die Möglichkeit, sich ein Feedback aus der PeerGruppe zu holen.

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