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Die Definition ist schwierig, denn was ist Norm?

Extreme Persönlichkeiten sind im klinischen Sinn nicht krank, sondern sie sind sozial schwierig, denn sie verhalten sich nicht so, wie man es erwarten würde oder es den Umständen nach angepasst scheint. Ihr Persönlichkeitsstil scheint sonderbar und weist Merkmale von Persönlichkeitsstörungen auf, wie beispielsweise über die Maßen launisch, misstrauisch, dramatisch, emotional, aggressiv, selbstunsicher, in sich gekehrt oder auch heftigen Stimmungsschwankungen unterworfen. Allen Merkmalen jedoch scheint gemeinsam zu sein, dass „Extreme Persönlichkeiten“ sich selbst als eins mit ihrer Persönlichkeit empfinden (= ich-synton), d.h. in sich stimmig wahrnehmen. Extreme Persönlichkeiten kämen nicht auf die Idee, einen Arzt oder Therapeuten aufgrund ihres Persönlichkeitsstils aufzusuchen. Auch im Coaching oder in der Beratung sind sie eher „Gast“. Es ist wahrscheinlicher, dass Mitarbeiter, Kollegen und Familienangehörige Rat suchen. Beziehungsproblemen dagegen könnten für sie aus ich-syntoner Perspektive ein interessantes Thema sein.

Die Diagnose sollte nicht durch Laien erfolgen

Es gibt viele verschiedene Persönlichkeitsformen, Beziehungs- und Persönlichkeitsstörungen. Welche davon auf psychische Krankheitsbilder hinweisen, wie sie einzustufen und zu behandeln sind, dafür gibt es Expert*innen, Therapeuten und Ärzte, die Diagnosen und Behandlungspläne erstellen.

Extreme Persönlichkeiten machen keinen Genderunterschied, Männer und Frauen sind in den Statistiken gleichermaßen vertreten, etwas mehr Frauen vielleicht beim histrionischen und etwas mehr Männer beim narzisstischen Stil. Bei der Frage nach der Ursache verweisen Psychologen und Wissenschaftler auf mögliche Verhaltensweisen, die in einer früheren Lebensphase als Überlebensstrategie entwickelt wurden, dann ohne Veränderungen und Anpassungen blieben und heute zu malfunktionalen Verhaltensweisen führen.

Von Persönlichkeitsstörung wird erst dann gesprochen, wenn eine Verstrickung in starre Handlungsmuster vorliegt:

  • Verhaltensmuster und Erleben des Betroffenen deutlich von kulturell erwarteten und akzeptierten Vorgaben und Normen abweichen
  • die Abweichungen sich in der Art zu denken, zu fühlen und in der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen äußern
  • die Abweichung so ausgeprägt ist, dass das daraus resultierende Verhalten in vielen Situationen des Alltags unangemessen, unangepasst und unflexibel ist
  • durch dieses Verhalten bei den Betroffenen selbst und/oder in ihrem sozialen Umfeld erheblicher Leidensdruck entsteht
  • das abweichende Verhaltensmuster stabil und von langer Dauer ist und in der späten Kindheit oder Jugend begonnen hat
  • keine schwere psychische oder organische Erkrankung als Ursache vorliegt

 

Zuordnungen der Persönlichkeitsstörungen

Persönlichkeitsstörungen werden nach ICD-10 und DSM-5 drei Hauptgruppen oder Clustern zugeordnet:

  • Hauptgruppe A: „sonderbar, exzentrisch“, hierunter fallen die paranoiden (misstrauisch, scharfsinniger Verstand) und schizoiden Persönlichkeitsstörungen (hohes Maß an distanziertem Verhalten)
  • Hauptgruppe B: „dramatisch, emotional, launisch“, darunter fallen die histrionische (stark auf äußere Zuwendung und Anerkennung angewiesen), narzisstische (hohe Maßstäbe, die sie selbst nicht erfüllen können), dissoziale (Aggressives Verhalten) und die Borderline-Persönlichkeitsstörung (erleben sich als Opfer ihrer heftigen Stimmungen)
  • Hauptgruppe C: „selbstunsichere, abhängige und zwanghafte“ Persönlichkeitsstörungen (Isolation)

 

Persönlichkeitsstörungen sind keineswegs selten

Persönlichkeitsstörungen kommen bei circa 10 % der Bevölkerung vor. Die Störungen sind vielfältig und komplex. Sie können im Verbund mit anderen psychischen Erkrankungen auftreten, so wurden bei 50% der Diagnosen aus dem schizophrenen Formenkreis einzelne oder gleich mehrere Persönlichkeitsstörungen entdeckt, aber auch in Verbindung mit Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und Essstörungen.

 

Zwiespältigen Eigenschaften utilisieren, nutzbarmachen für den Erfolg

Extreme Persönlichkeitszüge können einer Karriere im Wege stehen, sie können aber auch nützlich sein. So geht beispielsweise ein boshafter, intriganter Mensch täglich hohe Risiken ein. Narzisstische Züge können charmant und äußerst überzeugend wirken. Wagemut gekoppelt mit einem übersteigerten Selbstwertgefühl mag anfänglich karrierefördernd wirken, bis sich die Großtaten als leere Versprechungen entpuppen. Visionäre sind häufig Querdenker, die Innovationen fördern, weil sie kreativ anders denken als ihre Vorgesetzten und Kolleg*innen. Etwas Extravaganz, Drama und im Mittelpunkt stehen wollen, erhöht sicherlich den Unterhaltungswert eines tristen Bürotages. Der Wunsch anderen zu gefallen, ist meist mit Loyalität, Fleiß aber auch Angst vor Fehlern verknüpft, selten jedoch mit der Fähigkeit selbständig und verlässlich zu arbeiten. Gewissenhaftigkeit, peinlich genaues Arbeiten ist erstrebenswert, der Hang zur Perfektion dagegen hinderlich. Gemächlich gelassenes Arbeiten kann sich kooperativ und umgänglich, aber auch stur und gereizt präsentieren. Misstrauen ist mit viel Empathie und gutem Gespür für Wahrheit gekoppelt, jedoch für das soziale Umfeld anstrengend.

Um diese unterschiedlichen Kombinationen karrierefördernd einzusetzen, braucht es ein Matching. Es muss ein Abgleich von Arbeitsplatzanforderungen, persönlichen Eigenschaften und Kompetenzen erfolgen. Auch für Extreme Persönlichkeiten gibt es Profiling, Tests und Programme.

 

Die Dunkle Triade – lohnend fürs Unternehmen

Die Dunkle Triade der Persönlichkeit ist ein Konstrukt, bestehend aus Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Obschon diese Merkmale sozial problematisch sind, werden sie mit beruflichem Erfolg assoziiert. Es handelt sich hierbei nicht um klinische Persönlichkeitsstörungen, sondern um bestimmte Ausprägungen von Verhaltensmerkmalen.

In der öffentlichen Diskussion stehen Top Manager, die besonders häufig Eigenschaften der Dunklen Triade aufweisen sollen. Die Frage ist, ob Führungskräfte mit diesen Verhaltensweisen für das Unternehmen lohnend oder die negativen Auswirkungen schädigend sind.

 

Welches Verhalten verbirgt sich hinter der Dunklen Triade?

„Narzissten haben eine stark überzogene Selbstwertschätzung und ein Gefühl der Überlegenheit. Sie wollen bewundert werden und neigen zu dominantem Interaktionsverhalten. Oft steht dies im Zusammenhang mit einem hohen Anspruchsdenken sowie der Ausbeutung Anderer.

Psychopathen werden neben einem charmanten, interpersonellen Stil vor allem Eigenschaften wie Kaltherzigkeit, Furchtlosigkeit und Impulsivität zugeschrieben. Daneben gehören auch verschiedene kriminelle Vergehen zum vollständigen Bild der Psychopathie.

Machiavellismus wird mit einer manipulativen Persönlichkeit assoziiert. Entsprechend haben Machiavellisten wenig Mitgefühl. Sie sind moralisch und ideologisch flexibel, um ihre Ziele zu erreichen. Sie haben ein zynisches Menschenbild und sind bereit, sich hart und durchsetzungsorientiert zu verhalten.“*

*hogrefe, 11.02.2020, Dunkle Triade im Job: Risiken erkennen und abwenden: https://www.hogrefe.de/themen/human-resources/persoenlichkeitsdiagnostik , 19.09.2020

 

Fazit

Unternehmen werden bei Ihrer Personalauswahl diagnostisch unterstützt und setzen häufig Assessmentcenter für ihr Recruiting ein. Bei Hogrefe steht nun mit TOP (= Dark Triad of Personality at Work) sogar ein einsatzbereites Messverfahren für die Dunkle Triade zur Verfügung. Es kann innerhalb von 5 – 10 Minuten bereits Aufschluss über die komplexe Verteilung der narzisstischen, machiavellistischen und psychopathische Persönlichkeitszüge bieten. Ob ein Unternehmen das hohe, aber vielleicht lohnende Risiko eingehen mag, hängt von vielen Faktoren ab. Im Sinne einer moderner Unternehmensführung wäre allerdings eine offene Art der Kommunikation und gemeinsame Hinführung zu den unternehmerischen Zielen von nöten. Ein ähnliches offenes Verhalten im Umgang mit Extremen Persönlichkeiten sollten sich Kolleg*innen, Partner*innen und Familienangehörige auf die Fahnen schreiben. Sie müssen Klartext formulieren lernen, Zahlen, Daten und Fakten in den Vordergrund stellen können. Benennen Sie, was Ihnen gefällt, nicht gefällt und wo Ihre Grenzen liegen. Egal welchen Persönlichkeitsstil Ihr Gegenüber pflegt, er lebt genauso wie Sie in Ihrer, in seiner eigenen Welt. Doch, was wir von außen mitbekommen, nehmen wir meist sehr sensibel auf, hellhörig, wenn es um Zwischentöne und Halbwahrheiten geht.

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